Mocmoc
Einer Legende zufolge soll die pokémonartige Kreatur Mocmoc auf dem Bahnhofsplatz in Romanshorn mit ihrem Horn das Städtchen vor einer verheerenden Feuersbrunst gerettet haben. Die erst in jüngster Zeit erfundene Legende und das dazugehörende „Heilsbild“ sind Bestandteil eines Projektes der Schweizer Konzept- und Multimediakünstler Com & Com. Mit ihrem 2003 eingeweihten Polyester-Zwitterwesen, dessen Name ein Anagramm des Künstlerlabels ist, ironisiert das Duo die Gattung der traditionellen repräsentativen Denkmalskulptur im öffentlichen Raum respektive adaptiert sie der heutigen Disney-Ästhetik entsprechend. Mocmoc avancierte schnell zum Liebling der (Schul-)Kinder, die über verschiedene Aktionen gezielt angesprochen wurden, entzweite jedoch die erwachsene Bevölkerung.

Das konzeptionell vielschichtige Projekt, das über Provokation, Instrumentalisierung und Partizipationsstrategien als postmoderner Städte-Brand implementiert wurde und insofern auf die sozioökonomische und politische Komplexität von Branding-Prozessen verweist, führte zu einem Diskurs über Sinn, Problematiken und Grenzen von Kunst in der heutigen (Medien-)Öffentlichkeit. Mocmoc ist auf unterschiedliche Zugangs- und Rezeptionsweisen sowie Nutzungsmöglichkeiten hin konzipiert. Dazu gehört beispielsweise der Aufbau des Werks als Marketing- und Merchandising-Instrument mit einer Angebotspalette, die von T-Shirts über Hörspiel-CDs bis hin zu Kunstmultiples reicht. Mocmoc ist ausgestattet mit einem Fanclub und einer Homepage (www.mocmoc.ch). Seine Entstehung und Rezeption ist nachgezeichnet und reflektiert in einer wissenschaftlichen Publikation und einem Dokumentarfilm. Als Kulturbotschafter von Romanshorn gastiert es seit 2003 in zahlreichen Ausstellungen, darunter die 7. Biennale von Sharjah (Vereinigte Arabische Emirate, 2005) und die 1. Kunstbiennale von Singapur (2006) eingeladen, wo es auf das 1964 vom Tourismus-Board konstruierte stadtstaatliche Wahrzeichen Merlion (www.mocmocmermer.com) traf und woraus eine Kurzfilmreihe mit bis heute 2 Folgen resultiert.
Kornelia Imesch, Leiterin Wissenschaftsforum SIK Zürich